Auf der Insel hinterm Mond

Auf der Insel hinterm Mond

Im Jahre 1971 unternahm ich mit meinem damaligen Freund Roland meine erste Reise in die Türkei. Nach 48 Jahren sind wir nun wieder gemeinsam unterwegs zur Insel Filicudi. Sie gehört zu den Äolischen (auch Liparischen) Inseln nördlich von Sizilien, die seit 2000 zum Weltnaturerbe der UNESCO gehören. Die Äolischen Inseln sind alle vulkanischen Ursprungs. Vor etwa 600’000 Jahren stieg Filicudi als erste aus dem Meer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten noch 2500 Menschen auf der Insel. Die Zerstörung der Weinkulturen durch die Reblaus und die daraus folgende wirtschaftliche Krise zwangen viele Menschen in die Emigration in Richtung Amerika, Argentinien oder Australien. Mit einer Grösse von nur 9,5 kmhat sie heute nur noch 250 Einwohner.

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Roland betrat 1973 zum ersten Mal die Insel um sich fernab vom Trubel der Zivilisation per Fernkurs auf die Maturitätsprüfung vorzubereiten. Als er die Insel wieder verliess, war er Besitzer eines zerfallenen Hauses resp. einer Ruine. Die früheren Besitzer emigrierten 1927 nach Australien. In jahrelanger harter Arbeit schuf er auf den Ruinen der Emigranten ein feudales Ferienhaus mit einem subtropischen Garten und einem Traumpanorama. Bis die Ruine die Gestalt eines Hauses annahm, lebte Roland in einer Grotte im Berg, die einst als Eselsstall diente.

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Weitere Informationen unter Ferieninsel

Mit einem Flugzeug von «Edelweiss» erreichen wir am späten Abend Catania auf Sizilien. Ein Taxi bringt uns nach Milazzo ins «Petit Hotel» am Hafen. Am nächsten Tag geht’s mit dem Tragflügelboot nach Lipari, der grössten Insel des Archipels. Hier befindet sich die einzige gute Einkaufsmöglichkeit um Esswaren für die nächsten 14 Tage einzukaufen. Die Lebensmittel werden in vier Kartons mit dem Hinweis «Rolando – Filicudi» verpackt und zum Hafen gebracht. Nach einer weiteren Stunde Schifffahrt erreichen wir Filicudi Porto, wo Franca mit ihrem Auto (Taxi) wartet und uns mit unserem Gepäck nach Valdichiesa bis zum Strassenende hinauffährt. Von hier müssen wir noch einige Minuten über einen schmalen Fussweg zum Haus von Roland in Montepalmieri laufen, während Salvatore auf seinem Maulesel die Esskartons und unser Gepäck zum Haus führt. Die Stille die uns hier empfängt ist einfach unglaublich!

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Mit einer Zimmertemperatur von 15°C fühlt sich der Morgen kalt an, doch schon beim Frühstück wärmt uns die Sonne. Den ganzen Tag verbringen wir rund ums Haus. Bevor wir etwas unternehmen müssen wir erst mal heruntergefallene Blätter, Äste und allerlei Unrat des letzten Winters wegräumen. Zudem schaut sich Roland nach den Winterstürmen seine Pflanzen und Bäume an, während ich die Böden reinige. Sobald die Sonne am Abend untergegangen ist wird es merklich kühler.

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Als ich heute morgen die Tür öffne, scheint mir die Sonne voll in Gesicht. Bei schönstem Wetter und einer Temperatur von etwa 19°C unternehmen wir heute die erste Wanderung. Nebst verlassenen und verfallenen Häusern sehe ich auch schön restaurierte Häuser von wohlhabenden Leuten. Wir befinden uns auf einem Maultierweg mit einer grandiosen Aussicht. Hier beginnen wir mit Videoaufnahmen zum Song des Karubebaums (Ceratonia Siliqua) von Roland‘s Baumliedern. Diese Pflanzenart kommt mehrheitlich im Mittelmeerraum und in Vorderasien vor. Sie ist sehr anspruchslos und wächst auf marginalen Standorten ohne Bewässerung. Weitere Information zum Johannisbrotbaum unter Wikipedia. Nach einer Stärkung in Filicudi Porto fahren wir mit dem Taxi zurück.

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Roland bei einem Karubebaum                       Hülsenfrüchte des Karubebaums

Wie üblich erwache ich um 6 Uhr und sehe, dass die Sonne gleich aufgehen wird. Schnell ziehe ich warme Kleider an, um den Sonnenaufgang zu fotografieren. Danach lege ich mich nochmals bei offener Türe in den Schlafsack, so dass die Sonne auf mein Gesicht scheint. Nachmittags steigen wir Richtung Pecorini Mare ab. Unterwegs erstellen wir weitere Videoaufnahmen. Als «Belohnung» geniesse ich im Hotel Sirena ein «Spritz» und Roland sein italienisches Lieblingsgetränk «Chinotto». Nach dieser Stärkung schlendern wir entlang des Steinstrandes, bis wir zur Insel Alicudi herübersehen. Sie präsentiert sich im schönsten Gegenlicht. Als wir mit dem Taxi das Strassenende erreichen, hat soeben die Karfreitags-Prozession angefangen. Während ein Priester singt, stehen Einheimische in einer Kolonne mit Christuskreuzen und einer liegenden Jesusstatue auf einem tragbaren Gestell. Die Prozession wird sich zur Kirche Santa Stefano begeben, während wir zum Haus zurückmarschieren. Abends geniessen wir weiterhin die Stille, während langsam der Vollmond über dem Meer aufgeht.

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Auf der Insel werden über die Ostertage viele Italiener vom Festland und Sizilien anwesend sein. Noch scheint die Sonne, doch der Wind hat an Stärke zugenommen. Für die nächsten Tage sind Sturmwinde aus Südosten (Scirocco) angesagt. Am Abend ist der Himmel schon bedeckt. Wir sind unterwegs nach Rocca di Ciauli um im Restaurant «Villa La Rosa» Pizza zu essen. Unterwegs besucht Roland die Familie von Pina und Franco. Momentan weilt ihre Tochter mit Mann und Kindern zum Osterbesuch. An einem Tisch werden Süssigkeiten offeriert. Während Roland mit den Leuten spricht, läuft der Fernseher und die beiden Kinder spielen lautstark mit ihren Handys. So geht es normalerweise bei italienischen Familien zu und her. Beim weiteren Abstieg Richtung Restaurant geniessen wir wieder die Stille der Insel. Nachdem Essen der Pizza steigen wir im Schein der Stirnlampe wieder zu Rolands Haus hinauf. Ein spezielles Erlebnis.

An Ostern stürmt es den ganzen Tag heftig. Wir haben viel Zeit um uns im grossen «botanischen» Garten von Roland aufzuhalten. Er zeigt mir viele Pflanzen und Bäume und erklärt mir deren Entstehung. Trotz des stürmischen Windes begeben wir uns auf einen kleinen Spaziergang Richtung Montagnola. Faszinierend schauen wir den Götterbäumen zu, wie sich die grauen Stämmchen im Wind hin und her wiegen. Über grössere Felsbrocken klettern wir Meter um Meter bis wir uns inmitten von Steinterrassen befinden, die die Menschen vor 400 Jahren angelegt haben als sie hier lebten. Auch treffen wir auf ein schönes Haus, dessen Architektur den Pueblos in New Mexiko gleicht.

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Foto links: mexikanische Agave                    Foto rechts: «Bottletree» (Adansonia gregorii)

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In der Nacht auf Ostermontag erwachte ich mehrmals wegen des stürmischen Windes. Es handelt sich um den «Scirocco», der von der Sahara in Richtung Mittelmehr weht. Wegen seiner Entstehung über der Wüste, führt er grosse Mengen Sandstaub mit sich, wodurch die Luft eine gelblich-rötliche Färbung bekommt. Lange bleiben wir nach dem Frühstück in der Küche sitzen und erzählen uns gegenseitig Geschichten aus vergangenen Zeiten. Von Stunde zu Stunde bläst der Sturm immer stärker. Es werden Böen bis 90 km/h gemessen, ständig bläst er mit einer Geschwindigkeit von mindestens 40 km/h. Da keine Sonne scheint, haben die Mittagsblumen ihre Blüten geschlossen. Sämtliche Pflanzen und Bäume müssen diesem Sturmwind trotzen. Gegen Abend ertönen zwei Donnerschläge und kurz darauf fällt für kurze Zeit Regen.

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Es ist einfach unglaublich, dass nach dem gestrigen Sturm heute wieder sonniges, windstilles Wetter herrscht. Die Insel Salina ist jedoch nur als Silhouette zu erkennen, da starker Dunst das Meer bedeckt. Wir befinden uns am Strand von «Le Punte», ein Strand mit unzähligen runden Steinen und geniessen die wärmende Abendsonne. Heute sahen wir die ersten Bienenfresser-Vögel, die als Zugvögel hier Rast machen.

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Erstaunlich, wie mild sich heute morgen die Temperatur anfühlt. Wir beginnen unseren Aufstieg in Richtung «Monte Fossa delle Felci», mit 774 m der höchste Punkt der Insel. Der Pfad ist steil und führt über lockeren Lavaschotter. Die niedrige Macchia ist von Zistrosen, Mastix und Baumheide (Erika) überzogen. Je höher wir kommen, desto reizvoller ist der Ausblick. Dann erreichen wir einen querenden Pfad. Auf einem Holzschild steht «Monte Fossa» und auf einem grösseren Stein ein richtungweisendes Piktogramm. Da die Aussicht durch Dunst getrübt ist, verzichten wir auf den Gipfel und begeben uns stattdessen bei der nächsten Abzweigung Richtung «Seccagni». Die Nordseite der Insel ist infolge der höheren Luftfeuchtigkeit dichter bewachsen, wir sehen mehrere Erdbeerbäume (Arbutus unedo). Der Pfad wir nun schmaler und plötzlich stehen wir vor Brombeerranken quer über den Weg. Ein vorbeikommen ist schwierig, da der Pfad sehr schmal ist. Auf dem Rückweg sehen wir auf einem Plateau «Zucco Grande», das in der Zwischenkriegszeit komplett verlassen wurde. Bei der nächsten Gabelung steigen wir über einen alten Stufenweg ab. Dabei geniessen wir immer wieder die tolle Aussicht. Nach 4¾ Stunden sind wir zurück und freuen uns auf die wohlverdiente Dusche im Freien unterm Jacarandabaum.

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Aufstieg Richtung «Monte Fossa»                  Dusche im Freien

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Erdbeerbaum                                                 Früchte des Erdbeerbaum

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«Geisterdorf Zucco Grande»

Am letzten Tag vor meiner Abreise wandern wir nach «Zucco Grande», einem Geisterdorf. Nachdem wir die Strasse verlassen haben, sind viele grosse Feigenkakteen entlang des Weges zu sehen. Danach geht es auf einer gut ausgebauten «mulattiera», einem Maultierpfad weiter. Blühende Zistrosen und Stechginster in Hülle und Fülle. Plötzlich sehen wir es vor uns, das verlassene «Zucco Grande», das 1949 aufgegeben wurde. Bis zur grossen Emigrationswelle lebten hier 300 Menschen von der Landwirtschaft. Vor einigen Jahren hat die Innenarchitektin und Schmuckdesignerin Belquis Zahir, Enkelin des letzten afghanischen Königs, eines der Häuser geschmacksvoll restauriert. Bei einem anderen, von EU-Geldern restaurierten Haus, machen wir Rast. Auf dem Rückweg bietet sich uns ein schönes Panorama mit Sicht auf Filicudi Porto und Rocca di Ciauli.

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Am Abreisetag erscheint Salvatore pünktlich und trägt meine 20 kg schwere Tasche bis zum Parkplatz am Ende der Strasse. Ich bin froh, dass ich sie nicht tragen musste und gebe ihm ein gerechtes Trinkgeld. Wenn er vier Stunden Kehricht einsammelt, bekommt er für diese Zeit nur 35 €! Pietro fährt uns mit seinem Taxi zum Hafen, wo ich mich wehmütig von Roland verabschiede. Die Fahrt zum Hafen von Milazzo wird mit Tragflügelboot zwei Stunden dauern. In Milazzo habe ich bis zur Abfahrt des Busses nach Catania genügend Zeit um in einem sizilianischen Restaurant eine Kleinigkeit zu essen. Die Busfahrt zum Flughafen von Catania dauert 1¾ Stunden, der Abflug Richtung Schweiz ist 4½ Stunden später. Nachdem ich nach der Landung in Zürich kurz vor Mitternacht meine Tasche in Empfang genommen habe, fahre ich mit einem Mietauto nach Hause.

Lust auf mehr? In der Äolischen Erzählung «Die Insel hinterm Mond» kann die Geschichte der Insel Filicudi nachgelesen werden. Es ist ein autobiografisch gefärbter Roman mit poetischen Zügen. Erhältlich als Buch im Shop: www.rolandzoss.com oder als E-book in iTunes Stores.

Nachtrag: Als Kinder spielten Roland und ich «Indianerlis», er war Old Shatterhand und ich Winnetou. Auf der Insel gab es ein Wiedersehen mit meiner selbergebastelten, legendären «Silberbüchse».

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